Laborinformationen

Antiepileptika / Antikonvulsiva

Was ist Epilepsie?

Epilepsie wird definiert als ein chronischer neurologischer Zustand, der charakterisiert ist in wiederkehrenden und unvorhersehbaren Krämpfen. Das Auftreten der Erkrankung ist im frühen Kindsalter (bis 1Jahr) oder bei älteren Erwachsenen (ab 50Jahre) am höchsten. Durch medikamentöse Behandlung kann bis zu 70% der Betroffenen eine Anfallsfreiheit gesichert werden. Für die übrigen 30% kann man lediglich die Häufigkeit der Anfälle verringern, wobei auf eine Behandlung dennoch nicht verzichtet werden sollte.

Wie wird eine Epilepsie klassifiziert?

Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung, ist die genaue Diagnose einer Epilepsie. Dabei muss festgestellt werden welche Bereiche im Gehirn betroffen sind, also welche Form der Epilepsie vorliegt. Hierbei unterscheidet man in:

  1. Fokal ausgelöste Anfälle, die ihren Ursprung auf eine bestimmte Hirnregion begrenzt
    • Einfach fokale Anfälle ohne Bewusstseinsstörung (z.B.: Carbamazepin, Gabapentin, Lamotrigin, Phenytoin)
    • Komplexe fokale Anfälle mit Bewusstseinsstörung (z.B.: Carbamazepin, Gabapentin,Lamotrigin, Phenytoin)
    • Fokale Anfälle mit Ausprägung zu sekundär generalisierten Anfällen (z.B.: Gabapentin, Lamotrigin, Phenytoin)
  2. Generalisierte Anfälle bei denen der Verlauf und die Symptome keinen Hinweis auf eine anatomisch begrenzte Hirnregion geben
    • Absencen/Petit-mal mit kurzer Bewusstseinspause ohne Sturz (z.B.: Ethosuximid, Clonazepam, Mesuximid, Phenobarbital, Valproat)
    • Myoklonische Anfälle mit einzelnen oder unregelmäßig wiederholten Zuckungen einzelner Muskelgruppen (z.B.: Ethosuximid, Primidon, Valproat, Clonazepam)
    • Klonische Anfälle mit unwillkürlicher, rhythmischer Kontraktion von Muskeln oder Muskelgruppen
    • Tonische Anfälle, wobei sich die Muskulatur in einem Spannungszustand befindet
    • Tonisch-klonische Anfälle/Grand-mal als der typisch „große“ Anfall bezeichnet: mit Bewusstseinsverlust, Sturz, Verkrampfung und anschließend rhythmischen Zuckungen beider Arme und Beine und oft Biss in die Zunge (z.B.: Clonazepam Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon, Valproat)
    • Atonische Anfälle mit plötzlicher Muskelerschlaffung im ganzen Körper

Behandlungsmöglichkeiten einer Epilepsie!

Ist die Art der Epilepsie bekannt, kann eine zielgerichtete Therapie begonnen werden. Dafür ist es bereits im Vorfeld wichtig einige Laboruntersuchungen durchzuführen, um die Verträglichkeit des jeweiligen Medikamentes zu überwachen:

  • Großes Blutbild
  • Leber- und Nierenwerte
  • Alkalische Phosphatase
  • Gesamteiweiß
  • Calcium, Kalium und Natrium
  • Nüchternblutzucker, Triglyceride und Cholesterin

Ist die Therapie bereits fortgeschritten sollten noch zusätzlich zu den bereits genannten Parametern die folgenden Werte geprüft werden, um etwaige klinische Nebenwirkungen frühzeitig zu diagnostizieren und somit behandeln zu können:

  • Plasmaspiegel des Antikonvulsiva
  • EEG-Kontrolle

Die medikamentöse Behandlung wird zunächst immer als Monotherapie konzipiert. Schlägt das erste Medikament nicht an kann noch ein weiteres ausgetestet werden. Tritt dabei ebenfalls keine Anfallsfreiheit ein, ist eine Kombinationsbehandlung unerlässlich. Dabei wird empfohlen, Antiepileptika mit unterschiedlichen Wirkmechanismen zu kombinieren, deren Nebenwirkungen sich nicht gegenseitig verstärken. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass Mittel mit starken pharmakokinetischen Interaktionen vermieden werden.

Die zur Behandlung einer Epilipsie grundlegend in Frage kommenden Antiepileptika werden in der folgenden Tabelle mit einigen pharmakokinetischen Punkten (sofern bekannt) aufgeführt:

 

Substanz Handelsnamen Cmin T1/2 T max Steady State
Carbamazepin Carbium, Neurotop, Tegretal, Timonil 4-10mg/L 18-65h
Met.: 9-17h
Erw.: 4-16h
selten: 35h
Kinder: 4-6h
2-8d
Chloralhydrat Chloraldurat 1,5-15mg/L 4min
Met.: 7-10h
Met.:30-60min  
Clobazam Frisium 100-400µg/L Met.: 1-4mg/L 18h
Met.: 36-80h
bis zu 120h
0,25-4h
Met.: 24-72h
4-5d
Clonazepam Rivotril 10-60µg/L 30-40h 1-4h 7-8d
Clorazepat Tranxilium 0,6-1,5mg/L 2-2,5h
Met.: 25-82h
30-60min
Met.: 60min
Met.: 6-11d
Diazepam Valium, Faustan 0,1-05mg/L
Met.: 0,2-1,8mg/L
24-48h
Met.: 50-80h
Bis zu 100h
30-90min 5-15d + Met.
Eslicarbazepinacetat Zebinix 2-20mg/L 20-24h 2-3h 4-5d
Ethosuximid Petnidan, Suxinutin 30-100µg/L 33-55h Erw.: 1-4h
Kinder. 3-7h
8-10d
Felbamat Taloxa 10-100µg/L 15-23h 2-6h 4-7d
Gabapentin Gabax, Neurontin 2-10µg/L 5-7h 3-4h 1-2d
Kaliumbromid Dibro-Be mono 10-100µg/L ca. 12 Tage 3h Erw.: 30-40d
Kinder: ca. 3-4 Wo
Lacosamid Vimpat dosisabh.: 2,5-18mg/L 12-13h 0,5-4h Gabe 2*tägl.: 3d
Lamotrigin Bipolam, Lamictal 3-14mg/L 15-35h 2-3h 3-10d
Levetiracetam Keppra 12-46mg/L 6-8h 1h 2d
Lorazepam Tavor, Temesta 20-250µg/L 13-14h 1-2,5h Gabe 3mg/d: 2-3d
Mesuximid Petinutin 10-40mg/L 1-3h
Met.: 36-45h
30-60min
Met.: 5,4-14,8h
8d
Met.: 8,1-16,8d
Midazolam Dormicum 20-200µg/L 1,5-2,5h 1h  
Oxcarbazepin Apydan, Timox, Trileptal 10-30mg/L 1,3-2,3h
Met.: 7,5-11,1h
Met.: 4,5h
Tablette
Met.: 6h
Suspension
2-3d
Phenobarbital Lepinal, Luminal 15-40mg/L 48-144h p.o.: 6-18h
i.m.: 3-5h
i.v. (Gehirn):20-60min
14-21d
Phenytoin Epanutin, Phenhydan, Zentropil 10-20mg/L 20-60h Tabletten: 2-6h
Retard: 3-12h
5-14d
dosisabh.
Pregabalin Lyrica 3-8mg/L 6-7h 1h 1-2d
Primidon Liskantin, Mylepsinum, Resimatil 5-12mg/L 14-15h
Met.: 48-144h
0,5-7h 4d
Retigabin Trobalt cmax: 447-831µg/L 6-10h 0,5-2h ca.: 15d
Rufinamid Inovelon 5-45mg/L 6-10h ca.: 6h 2d
Stiripentol Diacomit 4-22mg/L 4,5-13h steigt mit Dosis 1-2h 3d
Sultiam Ospolot 0,5-13mg/L Rolando-Epilep.: 1-3mg/L 3-30h 1-5h 2-4d
Tiagabin Gabitril 20-80mg/L 7-9h 1-2h  
Topiramat Topamax 5-20mg/L 20-30h ca.: 2h 3-6d
Valproinsäure Convulex, Ergenyl, Leptilan, Orfiril u. a. 40-100mg/L Erw.: 5-15h Neugeborene: 15-60h 5,4-7,3h Retardtabletten
1-4h Tabletten
Vigabatrin Sabril 3-25mg/L 5-8h 1-2h 2-5d
Zonisamid Zonegran 15-40mg/L 50-70h 2-5h 13d

Wirkweise der Antiepileptika!

Der genaue Wirkmechanismus der Antiepileptika ist noch nicht vollständig geklärt, man vermutet, dass diese entweder über eine Hemmung der Erregbarkeit von Neuronen oder über eine Hemmung der Erregungsweiterleitung im Zentralnervensystem wirken. Dabei ist nicht auszuschließen, dass einige Medikamente über mehrere Mechanismen wirken.

Antiepileptika entfalten somit ihre Wirkung an Ionenkanäle und Rezeptoren, dabei unterscheidet man zurzeit 4 Hauptwirkungen:

  1. Steigerung der GABA- vermittelten Hemmung/Wirkung am GABA-Rezeptor und dadurch auch über Beeinflussung der Cl- Ströme; z.B.: Phenobarbital, Kaliumbromid, Primidon, Topiramat, Tiagabin, Valproat, Vigabatrin, Clonazepam, Diazepam, Lorazepam, Midazolam und Zonisamid
  2. Hemmung der Glutamatfreisetzung; z.B.: Lamotrigin und Topiramat, Phenobarbital, Phenytoin, Felbamat und Modulation der NMDA Rezeptoren; z.B.: Felbamat und Gabapentin
  3. Stabilisierung des inaktiven Zustandes der spannungsgesteuerten Na-Kanäle und dadurch induzierte Hemmung neuronaler Entladungen; z.B.: Eslicarbamazepin, Lamotrigin, Oxcarbamazepin, Rufinamid, Topiramat, Zonisamid, Carbamazepin, Phenytoin, Felbamat und Valproat
  4. Direkte Membranstabilisierung der erregbaren Zellen und/oder Erhöhung der chemisch vermittelten Neurotransmitter ⇒ Hemmung der spannungsabhängigen Ca-Kanäle vom T-Typ; z.B.: Ethosuximid, Pregabalin, Oxcarbamazepin, Zonisamid, Primidon, Felbamat, Levetiracetam, Lamotrigin, Tiagabin und Topiramat

Literatur:

  • Rote Liste
  • Pharmazeuticals 2010, 3, 1909-1935, ”Therapeutic Drug Monitoring of the Newer Anti-Epilepsy Medications“, M.D. Krasowski
  • Therapeutisches Drug Monitoring bei Antiepileptika Prof. Dr. med. Gerd Mikus 30.7.2009
  • Hoffnung für die Patienten durch neue Medikamente von Gerd Dannhardt, Mainz Pharmazeutische-Zeitung Beitrag erschien in Ausgabe 45/2000
  • Informationszentrum Epilepsie (ize) der Dt. Gesellschaft für Epileptologie e.V. Wie Antiepileptika wirken Autor: Thomas Mayer, Stand: Januar 2001
  • Neues Antiepileptikum: Der Wirkstoff Lacosamid: apotheke+marketing 08.2009; 42-47
  • Vademecum Antiepilepticum 2005/2006, Pharmakotherapie der Epilepsien 18.,überarbeitete Auflage Dr. H. Schneble